Historische Existenz by Ernst Nolte

Historische Existenz by Ernst Nolte

Author:Ernst Nolte
Language: deu
Format: epub
Publisher: Lau-Verlag
Published: 2013-12-31T16:00:00+00:00


39Krieg und Frieden

An welcher Stelle auch immer der Leser ein Geschichtsbuch aufschlägt, stößt er binnen kurzem auf einen Krieg oder mehrere Kriege, und er kann leicht den Eindruck gewinnen, der Krieg sei die eigenste Sache der Menschheit und keineswegs nur des Adels. Im Ersten Teil ist gezeigt worden, daß sich die anthropologische These begründen läßt, der Mensch sei im Gegensatz zu allen Tieren ein »Mörder«, d. h. ein Wesen, das keine Tötungshemmung gegenüber Artgenossen kenne, und mit gegensätzlicher Begründung kann ein naturwissenschaftliches Denken »tiefe biologische Ursachen« des Krieges und letzten Endes der Aggression entdecken: Ameisenstaaten führen Vernichtungskriege gegen andere Ameisenstaaten, und die eine Rattenart rottet die andere aus. Nur wenn der Krieg ein bloß kulturelles Phänomen ist, das mit dem von Natur friedlichen Wesen des Menschen nicht übereinstimmt und etwa lediglich durch die Habgier von Herrschern hervorgerufen wird, kann er eines Tages »abgeschafft« werden. Ohne die Grundsatzfrage entscheiden zu wollen, haben wir den Krieg als den »kollektiven Ernstfall« definiert, zu dem der »individuelle Ernstfall« des Todes in Parallele steht.

Es ist aber angebracht, daß wir uns zunächst die Allgegenwart des Krieges in der Geschichte anhand einiger Beispiele in Erinnerung rufen: Heute begegnet eine Geschichtsschreibung, welche die »Haupt- und Staatsaktionen« in den Mittelpunkt stellt, verbreiteter Geringschätzung, und es nimmt sich moderner aus, kulturgeschichtliche Entwicklungslinien von »langer Dauer« zu verfolgen oder das Alltagsleben der einfachen Menschen zu erforschen. Aber es ist die Frage, ob man sich dadurch nicht über die zentrale Rolle und die schreckliche Wirklichkeit des Krieges in der Geschichte hinwegtäuscht.

»Haupt- und Staatsaktionen« sind eben vornehmlich Kriege oder doch Beinahe-Kriege, und was mit Recht Anstoß erregen kann, ist lediglich die affirmative, ja rühmende Weise, in der zahlreiche Historiker die positiven Resultate von Kriegen und die glänzenden Leistungen der Heerführer in den Mittelpunkt gestellt und die Opfer kaum eines Wortes gewürdigt haben: Die Griechen verteidigten sich unter der Führung des Themistokles erfolgreich gegen den großen Angriff des persischen Weltreiches; Alexander der Große führte 150 Jahre später den Gegenstoß, der das Weltreich der Achämeniden vernichtete; zuvor aber hatte sich Sparta in einem dreißigjährigen Krieg gegen Athen durchgesetzt und eine fragile Hegemonie begründet.

Es dauerte nicht sehr lange, und die Staaten des Hellenismus wurden in das römische Imperium einbezogen, das der Welt die »pax romana« schenkte, aber ständig in Kämpfe mit dem persischen Reich der parthischen Arsakiden und der Sassaniden verwickelt blieb, bevor es in den Stürmen der Völkerwanderungszeit den Angriffen der germanischen Völker und Stämme erlag. Eben dies war die Voraussetzung für den Aufstieg der christlichen Welt in Gestalt des germanisch-romanischen Abendlandes, des griechischen Byzanz und des russischen Zarenreiches.

Freilich war auch diese christliche Welt eine Welt voller Kämpfe und Kriege: Die Weltreligion hatte den Krieg zwar verwandelt, aber keineswegs aus der Welt gebracht. Stärker waren die Einwirkungen der anderen Weltreligionen auf den Krieg: Der erste buddhistische Staat, derjenige des Inders Aschoka, ging wahrscheinlich deshalb zugrunde, weil der Herrscher unter den niederschmetternden Eindrücken des sogenannten Kalinga-Krieges den buddhistischen Pazifismus ernstlich zu seiner Maxime machte und seine Streitkräfte vernachlässigte. In schroffem Gegensatz dazu intensivierte die dritte Weltreligion,



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